Eine Hausgeburt

Gestern Nacht war es also soweit, unser siebtes Kind und unsere zweite Tochter, Zelda Isabelle Marie Hitze, wurde in unserem Schlafzimmer im Haus, nur im Beisein unserer Hebamme Elke und ganz ohne jegliche PDA und medizinischen HickHack, geboren.

Zelda und Papa

Zelda und Papa

Wir hatten das Thema Hausgeburt vor einigen Monaten angesprochen, meine Frau spielt glaube ich schon länger mit dem Gedanken. Für mich war die Vorstellung zu Beginn eine Recht abstrakte. Geburt ist etwas medizinisches und ich hatte mich die vorherigen sechs Male im Kreißsaal eigentlich immer recht wohl gefühlt oder zumindest nicht „schlecht“ genug um eine Alternative in Erwägung zu ziehen. Geburtshäuser waren für mich auf ähnlichem Niveau wie Kreißsäle, halt ein Ort zu dem man geht um ein Kind zu bekommen und nachdem Jeanine das Thema Geburtshaus nie angesprochen hatte, hatte ich mich damit nicht eingehender befasst. /Sarkasmus: Dank unserer großartigen Gesundheitspolitik ist ein Geburtshaus wohl auch etwas, dass demnächst verschwindet. /Sarkasmus Ende

Und jetzt auf einmal Hausgeburt? Warum?

Die Geburt von Anton war, gelinde gesagt, unschön. Meine Frau trug ein Geburtstrauma davon dass mir bis vor Kurzem nicht einmal so bewusst war oder ich vielleicht auch einfach nicht verstehen kann. Aber alle Kinder waren doch gesund (bis auf Noahs Anpassungsschwierigkeiten) und wir meistens am Tag danach aus der Klinik, dachte ich so bei mir. Warum also etwas riskieren? Sind Hausgeburten überhaupt erlaubt? Und was macht man mit den Kindern? Wer passt auf die auf? Wenn was passiert? Ich war dem gegenüber kritisch und eher ablehnend eingestellt.

Ich erinnere mich, es war glaube ich ein Frühstück, irgendwann Ende 2015 und meine Frau meinte ich solle mich damit doch bitte auseinandersetzen mit dem Thema und nicht mit gefährlichem Halbwissen glänzen.

Also machte ich mich ans Googeln und fand einige Studien, Metastudien und Beiträge zu der Thematik. Keine davon war so dramatisch wie ich es mir gedacht hätte. Alles was ich zu dem Thema las war eher positiv. Natürlich gab es einige Risikominimierungsfanatiker und Statistikgläubige, wie den Verband deutscher Frauenärzte:

Die Geburt ist als natürlicher, gleichwohl aber höchst gefährlicher Zeitpunkt im Leben des Menschen anzusehen. Minuten entscheiden über Gesundheit, Krankheit oder Tod, weshalb die klinische der Hausgeburt unbedingt vorzuziehen ist.
Stellungnahme Oktober 2011

Ich war überzeugt und so entschieden wir uns dafür unser 7tes Kind in den heimischen vier Wänden zu bekommen. Ein erstes Gespräch mit Elke, unserer Hebamme, überzeugte mich dann endgültig. In beinahe zwei Stunden ging sie mit uns jedes potentielle Risiko durch, besprach die Details und was zu tun wäre wenn doch etwas sein sollte.

Natürlich haben wir hier in Dachau in unserer Siedlung einen entscheidenen Standortvorteil, die Klinik ist in Sichtweite und hat eine Neonatologie für Kinder ab der 36ten Woche. Elkes Antwort auf die Frage was man denn beim Auftreten von Komplikationen machen würde war insofern sehr pragmatisch: „Wir packen deine Frau in mein Auto und sind in zwei Minuten im Klinikum“.

Mein innerer Sicherheitsfanatiker war beruhigt.

Elke kam vor einigen Wochen dann zu einem zweiten Gespräch, bei dem sie uns eine Vorbereitungsliste gab, uns bat Telefonnummern aufzuschreiben für Kinderbetreuung und die Formulare zur rechtlichen Absicherung und die Bereitschaftspauschale von 250 Euro mitnahm (diese übernehmen verblüffender Weise relativ viele Krankenkassen)

Wir machten uns also ans Packen und Vorbereiten. Neben der üblichen Kliniktasche für den Fall der Fälle kamen dieses Mal zusätzlich zwei Wäschekörbe mit einigen interessanten Utensilien hinzu.

Als da wären nach Liste der Hebammenpraxis:

  • Malerfolie (Blut und Flüssigkeiten können schnell jede Matratze ruinieren)
  • 2 x Laken (die man auch entsorgen kann, weil Blut in größeren Mengen schlecht rausgeht)
    Reihenfolge: Laken + Folie + Laken
  • Bettwäsche die man evtl. waschen oder aber entsorgen kann
  • 2 blaue Müllbeutel (es ist faszinieren wie viel Müll bei einer Geburt anfällt)
  • Verlängerungsschnur (für eine Lampe mit der man beim Nähen eines potentiellen Risses leuchten kann)
  • Wärmflasche (für das Vorwärmen der Handtücher mit den man das Neugeborene abreibt/einwickelt)
  • Matte (für den Vierfüsslerstand auf dem Fliesen oder Holzboden)
  • Thermoskanne
  • Inkontinenzhosen (viel besser als die Riesenbinden aus dem Krankenhaus, gibt es bei Aldi)

Ich nutze die Gelegenheit die Liste gleich noch um Dinge zu ergänzen die ich praktisch gefunden hätte – nämlich:

  • Haushaltstücher (es wird nass)
  • Feuchttücher (siehe 1 – für abwischen besagter Flüssigkeiten vom Körper der Frau)
  • Wickelunterlagen (auf die Matte/den Boden/dass Bett, unsere Hebamme hatte die Klinikversion dabei, es schadet nicht eine Packung mehr zu haben)
  • kleinere Mülltüte/luftdichter Beutel (für die Plazenta)
  • eine gut sichtbare Uhr für die Hebamme (Anachronismus)

Und natürlich die üblichen Dinge die man für ein neugeborenes Baby braucht und für ein angenehmes Wochenbett (Essen, Trinken, Pflegeprodukte, etc)

Nach diesem kleinen Ausflug in die Welt der Organisation – auf zur eigentlichen Geburt.

Der ET kam (Noahs Geburtstag), verstrich und wir warteten. Meine Frau musste dann Dienstag und Donnerstag zum Frauenarzt pilgern, denn über dem ET war UNBEDINGT eine Kontrolle notwendig um die Hausgeburt zu ermöglichen. Risiko, Sie verstehen… So langsam begannen die Fragen zu nerven „Ist es schon da?“ „Dass kommt bestimmt am … weil ich glaube …“ und ähnliche Sprüche. Die Kinder fragten jeden Morgen und jedes Mal nach der Schule „Ist Zelda schon da“ und wir machten uns gegenseitig Mut und wurden ein wenig dünnhäutig.

Freitag kam Elke dann vorbei zur Vorsorge, der Muttermund war bei 3 cm und meine Frau kämpfte immer mal wieder mit vereinzelten Wehen und einem dicker werdenden Bauch. Als wir dann so Abends bei einer weiteren Folge Homeland auf dem Sofa saßen und uns Gedanken zum Wochenende machten, eigentlich gerade ins Bett gehen wollten, schoss die Dame des Hauses auf einmal auf und meinte „Es hat geknackt, ich glaube die Fruchtblase ist gesprungen“ Nach kurzem Innehalten dann die Bestätigung – es läuft. Die Frau verräumte sich ins Bad und versuchte Klarheit zu erlangen – auch wie die Farbe des Fruchtwassers aussah und ich wurde beauftragt Elke Bescheid zu geben. Die war glücklicherweise noch wach (es war inzwischen ca 23:33 Uhr) und nach kurzer Rücksprache mit meiner Frau machte sie sich auf den Weg.

Jeanine war inzwischen umgezogen ins Obergeschoss und ich wartete in der Küche auf Elke. Unsere Sorge war ob Anton aufwachen würde, schlief dieser doch im Flur im Kinderwagen.

Kurz vor 12 veratmete Jeanine fleissig eine Wehe nach der anderen und Elke kam endlich. Endlich? Es ist immer wieder faszinierend zu sehen wie langsam Zeit verstreicht wenn man wirklich wirklich aufgeregt ist.

Dem Internet hatte ich inzwischen zumindest einen Hinweis vor die Füsse geworfen.

Ui – twitterte ich. Nicht mehr. Und stellte mein Handy auf Lautlos.

Nachdem ich Elke geholfen hatte ihr Equipment ins Schlafzimmer zu verräumen (immerhin vier Koffer) bereiteten wir gemeinsam Stück für Stück die notwendigen Utensilien vor (Sauerstoff, Waage, Müllbeutel) und verwandelten das Zimmer in unseren privaten kleinen Kreißsaal. Dass Bett bekam seine Folie und die Laken, die Frau eine Matte für die Knie, wo sie Wehe um Wehe in kürzer werdenden Abständen veratmete und dass Fruchtwasser an ihr herunterlief (siehe Liste, Tücher).

Es war nun beinahe 0:30 Uhr und Jeanine zog auf das Bett um. Gequält von einigen fiesen Krämpfen im verlängerten Rücken arbeitete sie sich vor, immer mit Elke und mir an ihrer Seite um ihr Mut zu zu sprechen und sie anzufeuern (Männer fragen immer gerne was sie tun können während der Geburt. Dass! Da sein, unterstützen, aufbauen, nicht zaudern sondern Zuversicht bieten)

So langsam kündigten sich Presswehen an – sechs Geburten machen mich zum Jeanine-versteher und ich erkannte den Unterschied im Atmen und Gebahren meiner Frau. Allerdings überrumpelte mich Elke dennoch ein wenig als sie bei Presswehe eins meinte „nur noch eine Wehe, dann ist sie da“ und sich tatsächlich ein Kopf zeigte. Gesagt getan, Wehe eins der ganze Kopf, Wehe zwei das ganze Kind!

Kurzer Check ob alles dran ist und meine Liebste bekam ein nacktes, meckerndes Bündel auf die Brust gelegt. Ich war, wie immer, furchtbar sentimental und hatte Pipi in den Augen und meine Frau sagte immer wieder ungläubig „Ich bin in meinem Schlafzimmer, zu Hause„.

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Zelda wurde abgerubbelt mit den vorgewärmten Handtüchern und zugedeckt, Elke machte sich an die Nachgeburt. Recht überraschend kam zu dem Zeitpunkt unsere große Tochter ins Zimmer, reichlich irritiert ob der Geräusche und des Geschreis (erst von Mama beim Wehen dann von der Schwester). Sie legte sich ans Kopfende zu Mutter und Schwester und war, gefühlt, mit der Situation etwas überfordert.

Zwar hatten wir Zoe im Vorfeld bewusst informiert und versucht sie vorzubereiten, wie üblich liegen zwischen Theorie und Praxis Welten. Die Realität ist vor allem um einiges blutiger.

Nachdem die Nabelschnur also von mir durchtrennt wurde, Zoe hatte dies abgelehnt, untersuchte Elke die Nachgeburt. Zufrieden mit dem Ergebnis machten wir uns ans Aufräumen, entsorgten die Unterlage mit dem gröbsten an Flüssigkeit und ich verräumte die große Tochter wieder in ihr Bett.

Jeanine ging sich abduschen – Luxus Hausgeburt, ein kurzer Weg ins Bad ohne jegliche Zuschauer und mit den eigenen Handtüchern, während ich Zelda spazieren trug. Elke stellte mich, ein Bündel Folie und Laken in der Hand vor die Wahl – waschen oder wegschmeissen. Ich gebe zu dass Laken war bewusst gewählt und so wanderte es in die große Tüte.

Zelda Hitze

Zelda Hitze

Eine frisch gereinigte neue Mutter nahm mir das, inzwischen gewickelte und Nabelschnur-gekürzte Kind ab und legte an, so dass ich mich um die wichtigen Dinge kümmern konnte: Ich öffnete eine Flasche Sekt und fror die Plazenta ein.

Wenig später saßen wir, mit Sekt und eingekleidetem Kind, zu dritt auf dem Bett, regelrecht ein wenig aufgekratzt und sprachen über die früheren Geburten und waren durchweg zufrieden.

Elke verabschiedete sich so gegen halb drei und ich half ihr noch die Koffer wieder in ihr Auto zu verfrachten. Kurz danach gingen meine Frau und ich ins Bett und dösten (gut in meinem Fall schnarchten) bis zum Morgen, wo wir von Anton geweckt wurden, der in seinem Kinderwagen lag und nach uns rief. Als ich ihn holte begegnete mir Noah, der laut eigener Aussage, alles gehört hatte, auch den ersten Schrei, und nun seine neue Schwester sehen wollte. Stück für Stück wurden mehr Kinder wach und wir begannen den Samstag als neun köpfige Großfamilie.

 

Zelda Zoe Anton Papa

Zelda Zoe Anton Papa

Mehr Fotos findet ihr übrigens im Stream von Jeanine und mir auf Instagram.

Für alle die überlegen etwas zu schenken, auf Paypal.me/GentlemanNerd könnt ihr uns sonst sehr gerne unterstützen – wir brauchen noch einen neuen Stokke Stuhl.

Mein Fazit – warum habe ich diesen Weg nicht früher gewählt?

Es ist müssig darüber zu spekulieren, ob die anderen Geburten ähnlich verlaufen wären, dass ist mir bewusst. Ich bin jedenfalls unglaublich froh dass wir uns so entschieden haben und würde, sofern wir dazu noch einmal kommen und die Umstände es erlauben, jederzeit eine Hausgeburt einer Klinikgeburt vorziehen.

Wenn ihr Fragen zur Geburt habt, zu Geburten im Klinikum oder zu Neugeborenen – kommentiert hier oder mailt mir direkt (nhitze@gmail.com)

4 thoughts on “Eine Hausgeburt”

  1. So eine krass fixe Geburt, wahnsinn! Zu beneiden. Wie lang dauerte es genau, bis Zelda da war? Eine Stunde dann, kann das sein? Das ist unfassbar. Ich habe Freunde, die lagen fast zwei Tage in den Wehen. Aber scheint ja dann von Kind zu Kind meist schneller zu gehen.

    Ich kenn mich mit Hausgeburten auch einigermaßen aus und finde bei einer Geburt für Mutter und Kind die Gefühlslage irgendwie mit am wichtigsten, und zu Hause kann man einfach schön entspannen. Man weiß wo alles ist, kann seine liebste Musik auflegen, auf’s private Klo gehen, es ist warm und heimelich, und es rennt nicht dauernd irgend ein Fremder ins Zimmer, der dich in deinem verwundbarsten Moment sieht. Allerdings ist da auch für mich wichtig: Ist ein Krankenhaus in der Nähe? Wenn ja, wie nah? Wenn das ne Stunde entfernt wäre, würde ich keine Hausgeburt machen, so gern ich wollte…
    Und vor einem fiesen Dammriss hätte ich schon Angst. Hatte die Hebamme Tools für einen Dammschnitt dabei, falls es hätte passieren sollen?

    Ich glaub, ich persönlich hätte es sogar in einem aufblasbaren Pool mit warmen gemacht… Weniger schmutzig.

    Übrigens kenne ich auch mittlerweile ein paar Leute die in Deutschland Alleingeburten (ohne Hebamme und Partner!!!) gemacht haben. Schon krass…

    Das einzige, was ich richtig schlimm finde, ist, wenn die Kinder mitkriegen, wie Mama schreit und blutet. Meine Geschwister und ich haben das bei meiner Mutter miterlebt, als die Wehen eingesetzt haben, und wir sind bis heute noch traumatisiert davon. Ich denke da wahnsinnig ungern daran zurück, weil ich’s einfach nicht verstanden hab und überfordert war. Und Sarah hat auch etwas ähnliches als Kind durchgemacht… Bis heute fängt sie an zu weinen, wenn sie darüber redet. :/ Ich hoffe, eure Kids ziehen da nicht Traumata davon.

    1. Dammschnitt war nie ein Thema, lässt man übrigens reissen eher und schneidet nicht mehr. Wir haben aber zeitnah mit massieren angefangen mit Öl, dass hilft Wunder.

      Die große (12) ist wach geworden und war erst ein wenig irritiert, aber eher weil mit der neuen Schwester eine „Konkurrentin“ ins Haus kommt. Aber dass hat sich auch gelegt nach Gesprächen inzwischen. Und wir hatten alle vorbereitet auf den Lärm und dass das nichts schlimmes ist.

      Tut mir leid dass du und Sarah so schlechte Erfahrungen gemacht habt.

  2. Haacchhh, irgendwie bin ich mehr oder weniger zufällig auf deinen Artikel gestoßen. Toll! Ich folge deiner Frau schon lange und nun dieser, dein Artikel zu euer Hausgeburt ist schön. Rührend und gleichzeitig informativ, ja echt toll. Alles Gute für Euch! Liebe Grüße julia

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