Als ich dich sah…

Liebe Tiffi,

heute ist ein besonderer Tag für uns. Auch wenn du das nicht weißt. Du liegst auf deiner Hundecouch. Ab und zu gehst du in die Küche um den Backofen zu prüfen. Darin trocknen Hähnchen- und Rindfleischstreifen für dich und du kannst es kaum erwarten probieren zu dürfen. Du weißt immer ganz genau ob ich Menschenessen oder Hundeessen zubereite, auch wenn ich nicht weiß, wie du das erkennen kannst.

Heute vor einem Jahr brachen Laura, Carsten, Shep und ich auf um doch kennen zu lernen. Der Deutsche Wetterdienst hatte eine Unwetterwarnung herausgegeben. Ein Schneesturm zog über Deutschland. Man sollte unnötige Fahrten vermeiden, am besten das Haus gar nicht verlassen. Wir fuhren trotzdem. 500 km waren es bis zu deiner Pflegestelle.

Ich hatte dich bereits im Sommer des Vorjahres auf der Vermittlungsseite entdeckt. Obwohl du eigentlich gar nicht dem entsprachst, was ich mir vorgestellt hatte, war ich bei dir hängen geblieben. Doch zugleich war ich sicher, dass du schon bald eine Familie finden würdest. Doch immer wenn ich wieder auf die Seite ging, warst du noch da. Niemals erschien das Wort Reserviert hinter deinem Namen. Ich konnte das nicht verstehen. Warum wollte dich bloß niemand haben? Was war mit dir verkehrt? Erst sehr viel später erfuhr ich, dass du durchaus Anfragen gehabt hattest und das es auch nicht im geringsten an dir lag, dass diese nicht erfolgreich waren.

Als wir ankamen, gingen Laura und Carsten erstmal eine kleine Runde mit Shep spazieren. Ich aber ging direkt zu dir. Du warst bezaubernd. Noch viel hübscher als auf den Fotos. Und noch weniger konnte ich verstehen, warum du schon seit so langer Zeit auf deine Familie warten musstest. Warum nur wollte dich keiner haben? Dein Pflegefrauchen wollte, dass ich dir dein Halsband anlege um zu sehen, wie wir zurecht kommen. Du lagst auf einer alten Decke neben der Couch und beobachtetest mich ganz genau. Ich näherte mich dir, kniete mich vor dich und hielt dir meine Hand hin. Ich wusste damals ja noch nicht, dass du niemals auffällig an einer Hand schnüffelst. Ist ja auch nicht so, dass du es nötig hättest. Du hattest meinen Geruch vermutlich bereits geprüft, als ich noch in der Tür stand. Als du nicht reagiertest, legte ich dir ganz vorsichtig meine Hand auf die Seite und begann dich zu streicheln und zu kraulen. Nachdem du dir das gefallen lassen hast, habe ich dir einfach das Halsband über den Kopf gezogen und dich dann ohne Unterbrechung weiter gekrault. Während ich das tat unterhielt ich mich weiter mit deinem Pflegefrauchen. Sie konnte dich nicht sehen, weil ich zwischen euch hockte und als sie fünf Minuten später sagte: „So, dann probier doch jetzt mal ob du ihr das Halsband anziehen kannst.“ war sie etwas überrascht, weil du es schon längst anhattest.

Laura und Carsten stießen zu uns. Shep wartete brav im Auto. Lieber, tapferer Shep. Für ihn war es ein harter Tag, wissen wir doch alle, dass er Autofahren verabscheut. Nach einem schnellen Kaffee entschieden wir mit euch beiden einen Spaziergang zu machen, damit ihr euch erstmal ganz unverbindlich beäugen könntet. Ich legte dir dein Sicherheitsgeschirr an. Das ging nicht so glatt, wie die Sache mit dem Halsband. Ich wusste nicht wo all diese Schnallen hingehörten und du warst es nicht gewohnt dieses Geschirr zu tragen. Irgendwie konnte ich es dir trotzdem anlegen. Kaum hattest du es an, legtest du dich auf den Boden, in einer Haltung die ich heute als deine Trotzhaltung kenne. Du machst das noch immer, wenn du etwas tragen sollst, dass du nicht tragen möchtest, zum Beispiel deinen Bademantel oder das Autofahrgeschirr. Irgendwie schaffte ich es dich zu überzeugen, mit mir zu gehen auch, wenn ich heute weiß, dass ich so ziemlich alles falsch machte, was man bei dir so falsch machen kann. Nun kam die Stunde der Wahrheit. Mein Herz hattest du bereits gewonnen, aber würdest du dich auch mit Shep verstehen? Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Auch bei euch beiden war es Liebe auf den ersten Blick. Laura und Carsten hatten ganz schön zu tun, weil du im Wald immer wieder versucht hast ihn zum Spielen aufzufordern und die beiden mit ihm an der Schleppleine durch die Bäume rennen mussten. Als wir wieder zurück waren, ließen wir euch trotz der winterlichen Kälte die Tür zum Garten offen. Eine Stunde habt ihr zwei miteinander getobt, versucht einen Busch aus dem Boden zu ziehen, einen Tontopf ausgegraben und allerlei Unfug angestellt. Und hätte ich nicht davor schon gewusst, dass du zu mir gehörst, so wäre es mir spätestens in diesem Moment klar gewesen.

Viel zu früh mussten wir wieder aufbrechen. Aber schließlich mussten wir die 500km auch wieder zurück fahren. Ich verabschiedete mich von dir und flüsterte dir ins Ohr, dass ich dich bald holen würde. Fünf lange Wochen musste ich noch warten. Aber ich wollte dir die bestmögliche Eingewöhnung bieten und das war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich. Dein Pflegefrauchen hatte schon beim Abschied Tränen in den Augen und vielleicht hätte mir das eine Vorahnung geben sollen, darauf, dass noch die ein oder andere Schwierigkeit auf mich warten würde. Aber ich war einfach nur seelig, weil du genauso wundervoll warst, wie ich es erwartet hatte und weil die Zusammenführung mit Shep so viel besser gewesen war, als wir uns jemals erträumt hätten.

Wenn ich dich heute ansehe und dich vergleiche, mit diesem Hund, den ich vor einem Jahr kennen gelernt habe, bin ich erstaunt, welche Entwicklung du durchgemacht hast. Klar, du bist immer noch ängstlich und Schreckhaft. Aber zugleich bist du so viel sicherer geworden. Du hast so viel Neues gelernt und viele Menschen- und Hundeherzen für dich gewonnen.

Ich bin sehr froh, dass ich dich in meinem Leben habe und kann mir kaum vorstellen, wie ich jemals ohne dich sein konnte.

In Liebe,

deine Menschin

4 Antworten auf „Als ich dich sah…“

  1. Oh was für eine schöne Geschichte. Ich hab Tränen in den Augen… Die süße Tiffy ist genau dein Hund. Sie hat dich gewählt und blüht bei dir auf. Mehr als sie woanders aufblühen würde.

    Viele liebe Grüße
    Sandra & Shiva

  2. Liebe Sandra,

    ich danke dir für deine lieben Worte. Es ist nicht immer ganz einfach mit Tiffi. Auch nach fast einem Jahr sitze ich manchmal eine halbe Stunde auf dem Fußboden bis Tiffi überzeugt ist, dass ich ihr nichts Böses will und zum Kuscheln kommt.

    Aber jede Minute mit ihr ist es wert. Jedes Hundelächeln, jede Pfote die sie auf meinen Arm legt, jedes Ablecken meiner Nase lässt mich wissen, dass sie ebenso gerne mit mir zusammen ist wie ich mit ihr.

    Liebe Grüße,
    Karen und Tiffi

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