Pfui, sag doch sowas nicht…

In der Mittagspause saßen wir in der Küche zusammen und aßen unsere jeweilige Brotzeit. Als Tiffi in der Tür erschien bat ich die Kollegin, die am nächste saß ihr doch eine Walnuss vom Nikolausteller zu geben. Sie sah mich erstaunt an und fragte ob sie die nicht zuerst knacken solle. Ich lächelte und entgegnete, dass sie ihr einfach die ganze Nuss geben solle. Tiffi wisse schon was sie zu tun habe.

„Ach, kriegt sie die auf?“

Ich lachte. „Tiffi könnte einen menschlichen Oberschenkelknochen durchbeißen ohne einmal nachzuschnappen.

„Pfui! Sag doch sowas nicht!“ rief meine fränkische Kollegin entsetzt aus. Die anderen sahen mich schockiert an.

Ich stotterte, dass Tiffi das natürlich nie tun würde. Aber so richtig verstand ich die Aufregung nicht.

Haben wir Menschen uns so sehr an unsere Haustiere als Kuschelviehcher gewöhnt, dass uns der Gedanke daran, dass es sich um Raubtiere handelt in Panik versetzt?

Das Tiffi einem Menschen die Kehle durchbeißen könnte ist für mich ebenso eine Tatsache, wie das unsere Katze mir die Augen auskratzen könnte, wenn sie es drauf anlegen würde.

Deswegen lege ich trotzdem regelmäßig meinen Kopf auf der einen ab und lasse die andere an meine Brust gekuschelt unter meiner Decke schlafen.

Vor längerer Zeit war ich mal wieder mit unserem inzwischen verstorbenen Kater in der Tierklinik. Nach der Behandlung brachte ich ihn zum Auto und ging dann nochmal rein um die Kiste mit den Ifusionsflaschen und dem Zubehör zu holen. Vor mir verließ ein Mann mit einem Hund die Klinik. Der Hund trug einen Verband um den Bauch. Sie gingen zu dem Auto neben meinem und der Mann hob den Hund hoch. In dem Moment, als er ihn absetzte muss er dem Tier wohl Schmerzen verursacht haben, denn der Hund drehte sich auf der Rückbank blitzschnell um und biss dem Mann ins Gesicht. Der Mann taumelte erschrocken zurück, während ihm das Blut über das Gesicht rann.

Solche Szenen waren es, die mich lehrten Tiere als das zu respektieren, was sie sind. Das heißt ja nicht, dass man in Angst vor ihnen leben muss. Nur, dass man seine Tiere gut im Blick haben sollte, ihre Grenzen und Stimmungen beachten muss und Gefahren im Voraus erkennen.

Wenn ich zum Beispiel erkenne, dass es Tiffi unter Leuten zu viel wird, dann schaffe ich Rückzugsorte für sie. Wenn Kinder sie streicheln und ich merke, dass es sie überfordert, dann bitte ich sie damit aufzuhören und wenn sie es nicht tun, dann verbiete ich es ihnen eben.

Ich vermeide es meine Tiere in die Ecke zu drängen und wenn ich es tun muss, weil meine Angst-Aggressive Katze Phoebe zum Beispiel zum Tierarzt muss, dann schütze ich mich. Weil ich weiß, dass sie dann versucht sich zu verteidigen indem sie mich angreift.

Ich spreche mich selbst nicht davon frei meine Tiere manchmal durch eine romantisch verklärte Brille zu betrachten. Ich spreche ihnen Eigenschaften zu, die sie nicht haben, führe Dialoge mit ihnen und kaufe ihnen Dinge, die sie gar nicht brauchen.

Wenn ich aber sage, dass Tiffi im Moment eine leckere Pferdenase in ihrem Bett liegen hat, die sie wohl für schlechte Zeiten aufbewahrt und alle völlig angewidert reagieren, dann verwundert mich dies. Ja, Tiere essen andere Tiere. (Übrigens ernährt sich keine meiner Kolleginnen vegetarisch. Somit essen auch meine Kolleginnen andere Tiere.)

Ich versuche meine Tiere als das wahrzunehmen, was sie sind. Zahme Raubtiere, die mir gegenüber eine gewisse Zuneigung und Loyalität empfinden, die man nicht unbedingt mit Vorsicht, aber auf jeden Fall doch mit Umsicht behandeln sollte.

Eine Antwort auf „Pfui, sag doch sowas nicht…“

  1. Hm, ich weiß schon, warum ich um Hunde so ganz generell und im Allgemeinen einen Bogen mache …
    Wobei, wenn ich sie näher kenne und ihr Mensch dabei ist, kraule ich sie auch schon mal.
    Und deine Tiffiabenteuer verfolge ich.
    Natalie

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